Josef Elmiger aus Sulz beobachtet beim Tunneleingang in Bodio, wie mit dem eigens für die Neat entwickelten Multifunktionsfahrzeug Kabel in den neuen Gotthardtunnel eingezogen werden. Bald danach werden die Schienen verlegt.
Vergangenen Freitag, Josef Elmiger steht am südlichsten Ende des neuen Gotthardtunnels, in Bodio im Tessin. Zwei markante Tunnelportale ragen dort nebeneinander aus dem Hang, das linke davon betritt Elmiger nun: die Weströhre des neuen Neat-Eisenbahntunnels. «Ein absolut faszinierendes Projekt mit nationaler, gar europäischer Bedeutung» sagt er, nicht ohne Stolz, und zeigt nach etwa 50 Metern im Tunnel mit der Hand nach Norden. Die runde, mit einem Betongewölbe ausgebaute Röhre erstreckt sich scheinbar ins Leere. Wird die Weströhre gemäss Planung im Februar 2011 ganz ausgebrochen sein, kann man durch den Tunnel direkt nach Erstfeld im Kanton Uri gelangen. 57 Kilometer durch den Berg, das ist Weltrekord. Für die Oströhre, die im Berg etwa 35 Meter parallel zur Weströhre verläuft, ist der Durchbruch bereits auf den kommenden 15. Oktober geplant.
Testfahrten mit Tempo 200
Während im Innern noch ausgebrochen wird, beginnt nun am Eingang in Bodio der Einbau der Bahntechnik. Der offizielle Startschuss dazu erfolgte am Freitag in Biasca. In den nächsten Jahren müssen Schienen verlegt, Telecom- und Sicherungsanlagen und die Fahrleitung eingebaut sowie Kabel für Strom und elektrische Anlagen eingezogen werden, die der Steuerung, der Lüftung und der Sicherheit im Tunnel dienen. Der etwa 14 Kilometer lange, im Rohbau fertig gestellte Abschnitt zwischen Bodio und Faido dient zuerst als Versuchsstrecke. Hier soll die Bahntechnik getestet werden, sollen bis in zwei Jahren Züge mit Tempo 200 km/h über die Schienen brausen. «Dank diesen Tests können wir die Abläufe und das Zusammenwirken der komplexen Systeme optimieren», so Josef Elmiger, der seit fünf Jahren bei der Alptransit Gotthard AG, einer Tochtergesellschaft der SBB und Bauherrin des Gotthardtunnels, arbeitet. Der Mann aus Sulz ist bei der Alptransit AG Leiter der Ausführung im Bereich Bahntechnik und kennt sich im Bahnbau bestens aus. Der gelernte Bauzeichner mit Bauingenieur-Abschlus FH trat 1974 in die Dienste der SBB ein und leitete verschiedene Projekte in Tunnelbau und Bahntechnik. Bei der 2005 eröffneten Neubaustrecke zwischen Mattstetten und Rothrist war er stellvertretender Gesamtleiter.
Bahntechnik kostet 1,7 Milliarden
Heute, bei der Neat, so sagt Elmiger, ist alles eine Nummer grösser. Die Bewilligungen und Abnahmen unterliegen einer strengen Prüfung durch das Bundesamt für Verkehr. «Der Tunnel wird auf Herz und Nieren geprüft. Wir haben höhere Geschwindigkeiten, eine hohe Zugsdichte, einen langen, zweiröhrigen Tunnel und ein entsprechendes Budget.» Josef Elmiger ist mit seinem Team verantwortlich für die Einhaltung des Werkvertrags mit der Transtec Gotthard, einer Arbeitsgemeinschaft verschiedener Baufirmen, welche im Auftrag der Alptransit Gotthard AG die Bahntechnik einbaut. Rund 1,7 Milliarden Franken ist dieser Auftrag wert.
«Dieser Betrag verteilt sich ja auf acht Jahre und verschiedene Bereiche», relativiert Josef Elmiger die grosse Verantwortung. Und vor solcher scheut sich der 58-Jährige sowieso nicht. Acht Jahre war er Gemeindepräsident von Sulz, zweieinhalb Jahre zudem Präsident der Fusion Hitzkirch 7.
4,5 Kilometer vom Tunnelportal in Bodio entfernt ist seit Herbst 2009 im Industriegebiet von Biasca ein grosser Installationsplatz im Entstehen, der dem Einbau der Bahntechnik dient: Unterkünfte für Arbeiter, Werkhallen, Büros und eine Teststrecke, an welcher der Einbau der Gleise geübt wird. Bis in einem Jahr entsteht auch im Raum Altdorf ein Installationsplatz. Rund 100 Mitarbeitende beschäftigt Transtec bereits, dereinst sollen es bis zu 800 sein. Die Gleise im Gotthardtunnel werden einbetoniert, wozu eigens für die Neat ein 450 Meter langer Betonzug kon-struiert wurde. Auch für den Einzug der Kabel wurden spezielle Fahrzeuge entwickelt. Alleine 3200 Kilometer Kupferkabel müssen in die Kabelschschutzrohre eingezogen werden, die sich an den Seiten der Tunnelwände befinden. Das bedeutet noch viel Arbeit bis 2017. Dann soll der Gotthardtunnel fertiggestellt sein und in Betrieb gehen. Josef Elmiger will bis zum Ende dabei bleiben. «Das langt gerade bis zur Pensionierung», sagt er und schmunzelt.
Reto Bieri