Das Finale: «Uruguay» mit dem Ensemble Orientalischer Tanz, dem LSO und Aleksey Igudesman.
Es war wohl das ungewöhnlichste klassische Konzert, das die Besucherinnen und Besucher im ausverkauften KKL am Dienstagabend je erlebt hatten. Aber war es überhaupt ein Klassikkonzert? Genau dieser Frage gingen die Schülerinnen und Schüler der KS Seetal bei ihrem Konzertprojekt nach (der «Seetaler Bote» berichtete). Das Konzert, vor allem das Aufführungsformat mit Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne und dem Publikum auf Stühlen mit Frontalsicht, ist nach wie vor beliebt. Das Konzert am Dienstag folgte zwar diesem Format, wie aber Gastdirigent Aleksey Igudesman das Programm präsentierte, stellte all das auf den Kopf, was man sich unter einem klassischen Konzert vorstellt. Igudesman sagte die Stücke jeweils an, und er tat dies mit so viel Witz und Ironie, dass das Publikum mehr als nur einmal in schallendes Gelächter ausbrach.
Igudesman als Glücksfall
Der in Deutschland aufgewachsene Russe ist Dirigent, Violinist, Komponist, Dichter, Performer und im KKL auch Marketingexperte. Welcher Dirigent eines klassischen Konzertes tanzt schon Salsa an seinem Dirigentenpult und erzählt blutige Vampirwitze, um Johann Strauss’ «Wiener Blut» anzusagen. Auch Husten- und Niesanfälle sind bei Aleksey Igudesman ausdrücklich erwünscht. In der von ihm komponierten «Winterpolka» müssen sich die Orchestermusiker räuspern, sie müssen husten und niesen. Und wenn beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker beim «Radetzky-Marsch» das Publikum unter der Anleitung des Dirigenten im Takt mitklatschen darf, so durften die Zuschauer im KKL eben mithusten. Wenn man denn konnte, denn der Atem war vor Lachen schon knapp.
Für die KS Seetal war es bestimmt ein Glücksfall, dass das Luzerner Sinfonieorchester (LSO) für sein Saisonabschlusskonzert Aleksey Igudesman engagiert hatte. Ihm ist die Förderung junger Talente wichtig und er ist es gewohnt, mit jungen und vielleicht unerfahrenen Menschen zu arbeiten. So warf er dem Chor mit sichtlich aufgeregten Sängerinnen und einigen Sängern immer wieder aufmunternde Blicke zu. Igudesman komponierte extra für diesen Abend drei Lieder, die der Chor und das Vokalensemble der KS Seetal sangen, und er schien mit der Leistung der Schülerinnen und Schüler zufrieden zu sein. Igudesman ironische Seite klingt auch in seinen Liedtexten an. Im «Lied über die Musik» sang der Chor: «Wir singen immer nur das gleiche...». Musikalisch war das Lied für die Sängerinnen und Sänger anspruchsvoll, sie meisterten ihre Aufgabe gut. Die Nervosität wurde nach den ersten gesungenen Tönen denn auch kleiner.
«Kauf Mozart!» verlangte den Gymnasiasten ebenfalls einiges ab. Von Igudesman als «Werbepause» angekündigt, pries er Mozart zum halben Preis an mit Bach gratis dazu. Der Chor musste nahtlos Fragmente aus Stücken von Mozart, Bach und Beethoven singen. Und bei seinem «Waltz of the World» nahm Aleksey Igudesman das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch die ganze Welt. Irische, indische, fernöstliche, südamerikanische, spanische und italienische Klänge waren zu hören. Igudesman spielt in seinen Kompositionen mit dem «klassichen» Walzer und der Polka und lässt dann Klänge und Rhythmen aus Osteuropa, Südamerika oder auch Rockelemente in die Stücke einfliessen. Er vermischt alles fast bis zur Kakophonie, dann aber löst sich alles in Wohlgefallen auf.
Auftritt der Vampire
Gegensätze zeigte auch die Darbietung zu «Wiener Blut» von Johann Strauss auf. Währenddem das Orchester den berühmten Walzer spielte, zeigte das Tanzensemble der KS Seetal seine Performance. Diese begann hoch oben auf der Orgelempore mit einer Art «Modeschau».
Allerdings trugen die Tänzerinnen und Tänzer «blutverschmierte» T-Shirts. Danach verlagerte sich die Darbietung auf die KKL-Bühne. Die Choreographie wurde durch bewusste und unbewusste Verhaltensweisen des Publikums inspiriert. Den furiosesten Auftritt gab es als geplante Zugabe. «Uruguay» hiess die Performance. Die Mitglieder des Ensembles Orientalischer Tanz präsentierten sich auf der Bühne als Bauchtänzerinnen und sowohl auf der Orgelempore als auch im Zuschauerraum tanzten Pärchen zu heissen lateinamerikanischen Rhythmen. Aleksey Igudesman spielte Violine, griff dann aber zum Mikrofon, sang, und die Orchestermusiker spielten im Stehen. Nicht nur der 37-jährige Aleksey Igudesman hatte am Konzertabend sichtlich seinen Spass, auch die Musikerinnen und Musiker des LSO konnten sich das Lachen kaum verkneifen. Sie mussten husten, singen und – ja, auch in Vuvuzelas blasen. Igudesman widmete seine «Celebration Polka» nämlich der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft.
Die Ankündigung der KS Seetal, dass es kein elitärer Konzertabend sein würde, sondern ein Abend für alle, hat sich bewahrheitet. Igudesman suchte für das Konzert vor allem Werke von Johann Strauss und eigene Kompositionen aus. Zu Strauss’ Musik wurde damals getanzt, was sie zu «Unterhaltungsmusik» machte. Wird sie heute in den Konzertsälen gespielt, gehört sie zur E-Musik. Igudesman wusste auch Beethovens «Egmont Ouvertüre» durch eine Jazzeinlage etwas an Schwere zu nehmen. Es war ein Konzert für alle. Bei denjenigen, die bisher mit klassischer Musik nicht viel anfangen konnten, wurde jetzt vielleicht das Interesse geweckt. Diejenigen, die klassische Musik hören und Konzerte besuchen, erlebten etwas völlig Neues und Ungewohntes. Klassische Musik muss nicht ernst sein, ein klassisches Konzert nicht elitär. Der 37-jährige Aleksey Igudesman schafft es, dieses etwas negative Image der klassischen Musik aufzubrechen, ohne sie dabei ins Lächerliche zu ziehen.
Manuela Mezzetta